„Wasser und Seife“ von Susan Gluth & Musik von Nils Koppruch im Babylon Berlin

Am 05.02.2009 wurde im Kino Babylon in Berlin zum zweiten Mal der Dokumentarfilm „Wasser und Seife“ einem größeren Publikum vorgestellt. Der Film lief außerhalb der zeitgleich startenden Berlinale. Die Regisseurin Susan Gluth war persönlich anwesend und stand nach der Vorführung für Fragen zur Verfügung.

„Ich hab das Lied JaJaJa von Nils gehört und wußte sofort, das ist es!“, erklärt mir die Regisseurin Susan Gluth sinngemäß wie die Kooperation zwischen ihr und dem Musiker Nils Koppruch entstand. Der Film sei dabei vom Konzept her schon fertig gewesen.

Der Dokumentarfilm „Wasser und Seife“ begleitet drei Frauen verschiedener Generationen in ihrem Alltag. Anknüpfungspunkt und zentraler Schauplatz ist ihr gemeinsamer Arbeitsplatz, eine kleine Wäscherei in Hamburg. Ein Kleinunternehmen, wo körperlicher Einsatz gefragt ist. Auf engstem Raum wird private aber auch bergeweise Gastronomiewäsche geliefert, gewaschen, gemangelt. Im Arbeitsklima einer Dampfsauna. Das Zusammenlegen eines meterlangen Tafeltuchs bedarf einer ausgeklügelten Choreographie zu dritt. Wenn der Chef schließlich die akkurat gestapelte Wäsche in weißes Papier einschlägt und appetitlich wie Teilchen vom Bäcker über die Ladentheke reicht merkt man ihr kaum noch an, wie viel Energie und Schweiß dafür aufgewendet wurde. Und daß die Frauen täglich ihre Kraft dort einsetzen, um am materiellen Existenzminimum überleben zu können.

Im Laufe des Films offenbaren sich sukzessive die Lebensgeschichten der drei Frauen, aus der Oberfläche öffnen sich Türen in ihre privaten Räume und Geschichten, die erzählen, wie sie zu dem Job kamen und warum sie bis heute blieben. Man geht langsam in die Tiefe und lernt jede ein Stück weit kennen, mit ihren Eigenheiten und Schrullen. Der Film wertet dabei nicht, aber er hat einen humorvollen, liebenswerten Fokus auf das Schlichte, das kleine Glück und tägliche Leid.

Das kleine Glück, das sind die cash ausbezahlte Lohntüte am Monatsende, die clever eingekauften Kartoffeln, die man später gut pellen kann, die aus Vogelfutter gezüchteten Sonnenblumen vor dem Fenster, der kleine, alte Hund und die gute Diagnose des Tierarztes, das Schwarzbrot mit dick Fleischsalat, der Luxus einer teuren Tasse Kaffee im U-Bahnhof, der Schweinebraten zum Geburtstag für den Hund, die Woche Urlaub im Schwarzwald. Auch der nie erreichte Lottogewinn oder eine Kreuzfahrt für 1000 Euro sind Teil des Glücks, unerreichbar offenbar, aber um des Träumens willen immer ein Grund zu hoffen.

Die Wäscherei ist ein lauter Ort, man zuckt unwillkürlich zusammen wenn es zischt und faucht. 120bar suchen ihren Weg ins Freie. Viele Waschmaschinen rumpeln, die Mangel brummt, Menschen verständigen sich schreiend, das Telefon klingelt, einer stemmt den Schornstein mit einem Bohrhammer vom Dach, Bauschutt fällt krachend in den Hof.

Gespannt gelauscht hatte ich, wie anderenorts schon erwähnt auf die Filmmusik von Nils Koppruch.
Der Film lebt von den leisen Tönen. Die Stille nimmt einen mit in den Feierabend. Das Klickern des langsamer werdenden Fahrrads kündigt das Ende des Heimwegs an. Man genießt das leise Geschnatter der Wellensittiche, hört in der Ruhe fast das Klappern der Stricknadeln oder das Ticken einer Kuckucksuhr, ahnt das Knistern von Zigarettenpapier in der Glut, das Ausatmen des Rauchs der Feierabendzigarette.

Das sind Momente, die keine Musik brauchen.

Musikalisch unterlegt sind einige wenige Sequenzen, meist die Wege, das Unterwegssein, die das Private und Arbeitsalltag trennen. Der musikalische Schwerpunkt bahnt sich eigentlich erst zu Ende des Films an, wenn Nils eine gitarren- und banjobegleitete Version seines Liedes JaJaJa singt (unterstützt von Gisbert zu Knyphausen). Das Lied stammt von dem letzten gemeinsamen FINK-Album BAMBAMBAM(2005). Im letzten Viertel verdichten sich diese musikalischen Passagen wie ein langes Intro zum großen Abspann. JaJaJa meint das kleine Glück, den günstigen Zufall, den unerwarteten Treffer, kleine Geschenke des Alltags. Er setzt dem Film das Sahnehäubchen auf und entläßt den Zuschauer gutgelaunt swingend.

Ein liebenswerter Film, der die Menschen respektvoll und mit Humor begleitet. Und er paßt so gut in diese Zeit, wo alle beklagen, zu wenig zu haben. Weniger kann auch mehr sein.

Der Film soll übrigens ab dem 30.04.2009 in die deutschen Kinos kommen, vielleicht gibt es auch noch den ein oder anderen Abend mit dem Doppelpack Film plus Konzert, stellt Susan Gluth in Aussicht. (edit 23.03.: neue Termine s. am Artikelende)

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Den zweiten Teil des Abends gestaltete Nils Koppruch mit einem Ein-Mann-Konzert der etwas anderen Art. Dies fand nicht auf der großen Bühne des Saals, sondern im Foyer des Kinos statt, wo ein kleines Podest aufgebaut war. Anfangs war ich skeptisch, ob dieser kahle Raum nicht eher einer akustischen Katastrophe gleichkommen würde, die ersten Takte Musik beruhigten dann aber meine Zweifel.

Hier wurde tatsächlich ein wenig Glücksspiel praktiziert. Locker und gut gelaunt spielte Nils viele neue und ältere FINK-Lieder. Manches Stück war leider ein wenig (Zitat): „eingerostet“ oder „verstaubt“. Als Souffleurin eigneten sich meine Textkennnisse nur begrenzt. Aber ich lerne jetzt „Wohin du gehst“ und „Wie ein Schiff“ und dann kann beim nächsten Konzert nichts mehr schiefgehen. Damit die Kugel rollt, wohin die Kugel soll.

Und, mal ehrlich, wer singt schon gerne und gut vor Leuten, die die eigene Darbietung als Hintergrundmusik ihrer zimmerlauten Konversation betrachten? Für die, die blieben war es sicher ein schöner Abend mit einer Zugabe und kurzem Plausch an der Bar.

Fotos vom Konzert

Setlist: (erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und richtige Reihenfolge aber an all die Stücke kann ich mich zumindest erinnern)

Fisch im Maul – Wohin du gehst – Mit eigenen Augen – Dies für Dich – Der richtige Ort, – Oh du lieber Augustin – Nicht die Bienen – Brief wie ein Schiff – Wort im Wasser – Den Teufel tun – Herz aus Holz – Komm küssen – Harte Zeiten – Eckensteher – In die Stille

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Wie angekündigt wird es weitere Filmvorführungen von „Wasser und Seife“ geben, die folgenden finden mit anschließendem Konzert von Nils Koppruch statt:

07.05. Münster CINEMA

08.05. Dresden METROPOLIS

09.05. Magdeburg Moritzhof

10.05. München Neues Arena Kino

18.05. Hamburg „WAHRSCHAU!“ Seifenopern-Kunstfestival im Hamburger Freihafen

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