MADBOY – ich war da, wo ward ihr?

Eben (16.07.) komme ich zurück aus dem Kölner Filmhaus und bin doch recht enttäuscht. Nicht von Henna Peschels aktuellem Film „Madboy“, der war sehr unterhaltsam, dazu unten mehr.
Nein, von der angekündigten Präsenz des Regisseurs und der Schauspieler: keine Spur!
Wenn es schon kein Werbebudget gibt, dann ist persönliche Anwesenheit doch die beste Gelegenheit für Promo und der Beweis für Engagement – Erfahrungssache…
Der Kinobetreiber berichtete von magerer Resonanz zu dem Film, geringe Besucherzahlen, die Kölner seien halt kein Kinopublikum, das Wetter … – aber an diesem Abend waren etwa 25 Leute da, für neugierige Fragen (z. B. meine) und eine Diskussion, die der extra angereiste Journalist der Kinozeitung CHOICES gerne dokumentiert hätte – wäre das sicher ausreichend gewesen.

Zum Inhalt: Nachdem man sich an die amateureske Kamerafühurng gewöhnt, die besonders am Anfang etwas prägnant ist, läßt man sich gerne auf die Story von Schäffkes Flucht aus der Provinz in die vermeindlich vielversprechende Großstadt ein. Das hat etwas von diesen ersten Takten eines Konzerts, wo man noch die Nervosität der Musiker spürt, dann ist man einfach mittendrin.
Im Grunde ist es weniger ein Film über die Hamburger Musikszene, obwohl der Soundtrack ausschließlich von „Einheimischen“ stammt. Es ist eine Milieu- und Charakterstudie, eine Skizze des Alltags, der vielleicht nicht nur in Hamburg-Wilhelmsburg, sondern in jeder anderen Großstadt schlichtweg vom Überleben und den individuell daraus erwachsenden Strategien geprägt ist.
Situationskomik und gelungene Dialoge geben den Film seine besondere Qualität.

Die Figur des Hauptdarstellers Schäffke verblaßt etwas hinter meiner Lieblingsfigur, dem Maler Jakobus. Dieser sagt irgendwann: „‚Ich bin ein alter Mann“ (mit nicht mal 40 Jahren) und so wirkt er auch. Stoisch nimmt er Widrigkeiten wie Hunger, Armut, Erfolglosigkeit als Maler, schwedische Schimpftiraden seiner Ex hin, arrangiert sich auf seine Weise mit der Welt. Malen ist seine meditative Flucht ins Glück: „…weißt du, wenn man sich so in den Farben verliert…“ Jakobus ist wohl so authentisch, weil er im Grunde keine Rolle spielt, sondern sich selbst darstellt.
Die Platte, die er auflegt, um Schäffke von dessen Punk-Musik zu therapieren stammt von „Jack Heartfield“, eine Szene im Film, wo man tatsächlich Nils Koppruch die englische Version des „Wort im Wasser“ singen hört. Optisch erinnert die Vinylscheibe, die sich da auf dem Plattenteller dreht etwas an Harvest, mit seinem „Heart of Gold„. Gerne hätte ich ja gefragt, wie es zum Einbbau von Nils Song „Locked Door“ kam und warum er ausgerechtnet den Namen Jack Heartfield erhielt. Jakobus weist auch manch weitere Parallele zum Künstler-Kollegen SAM. auf, der ebenfalls als Autodidakt abseits der Kunstszene malt.

Die Studentin Nina wirkt zunächst etwas spröde, ist aber das einzige weibliche Element in einem Film, der eine ausschließliche, rauhe Männerwelt wiederspiegelt. Ihre Rolle hat ein wenig von weiblicher Deko und sie dient als Aufhänger einer oft herausgestellten, aber fast nicht vorhandenen Love-Story. Außer der geschnorrten Plastiktüte vom türkischen Gemüsehändler und einer kurzen Knutscherei hinter Schäffkes Nasenpflaster knistert zwischen den beiden wenig.
Welches Schiksal Schäffke erleidet, wer ihn am Ende aus der Hamburger Bronx rettet, wird natürlich nicht verraten. In den letzten Szenen sitzt er mit einer Gitarre auf dem Schoß bei seinem Provinz-Freund und spielt in anmutigem (aber gedoubeltem) Folk-Picking seinen eigenen Song über Hamburg, was „Ente“ immerhin ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Schade finde ich, daß der Abspann zwar den Musikern dankt, aber nicht erwähnt, wer welchen Song zur Verfügung gestellt hat. Nur Kenner der Hamburger Szene bzw. Fans der jeweiliigen Band werden erkennen, wer da gerade die Stimme erhebt. Noch kritikwürdiger find ich, daß Nils Koppruch auf keinem der Filmposter und der Flyer erwähnt wird, aus diesem Grund auch in vielen Filmbeschreibungen in der Kürzel „u.a.“ verschwindet, obwohl sein Song doch irgendwie eine zentrale Rolle spielt.

Wie es dem Kölner Publikum gefallen hat ist schwer zu sagen, etwa die Hälfte der Leute, ausschließlich reifere Semester zwischen 35 und 50 Jahren, blieb bis zum Ende des Abspanns sitzen. Gelacht wurde selten und verhalten, manche Pointe schien entweder nicht bemerkt oder für unwitzig befunden worden zu sein. So was kenn ich von den Kölnern garnicht.
Der Film wird wohl vor allem diejenigen ansprechen, für die Hamburg einfach Kult ist oder die selber am besten wissen, wie gut ein Früstück tut, daß dir ein Kumpel von seiner letzten Kohle mit Astra und einer kleinen Pommes ausgibt.

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