Festival-Wochenende Teil 1: Traumzeit Duisburg

Duisburg. Landschaftspark: ein unüberschaubares Areal aus stillgelegten Industriegebäuden in eigenwilliger Ästhetik, ein überdimensionales Museum einer überholten Arbeits-Kultur. Am Eingang empfangen zunächst Bier- und Imbissbuden den Orientierungssuchenden. Nils Koppruch spielt ab 20:00Uhr in der Pumpenhalle. Der Lageplan am Weg kennt nur eine Gießhalle. Also durchfragen. Intuitiv eine Richtung einschlagen. Zwei freundliche Herren von der Securitiy bestätigen über die Schulter deutend, dass in diesem Gebäude gleich ein Konzert stattfände. Ein Blick durch trübe, bleiverglaste Scheiben zeigt eine Bühne. Gut. Darauf ein paar Mikroständer, Banjo und Gitarren. Auch gut. Drei Stühle. Stühle?! Seltsam. Kein Schlagzeug dafür aber ein Mikro, dass auf Augenhöhe eines Dackels montiert sein könnte. Ob der Sicherheitsmann und ich das gleiche Konzert meinten? Aber diese helle Fender-Westerngitarre mit rotbraunem Schlagbrett, die kennt man doch. Neben mir lugt noch jemand prüfend durchs trübe Glas und bestätigt dann in tiefstem, bayerischen Slang, das wir hier richtig sind. Perfekt.

Der Raum vor der Bühne der Halle bildet ein tieferliegendes Carreé, umrahmt von Treppenstufen, auf dem sich die Zuhörer nach dem Einlass verteilten. Zwei Herren in sandfarbenen Anzügen, mit runden Panamahüten nehmen auf den Stufen vor der Bühne Platz und liefern eine kleine Anmoderation. Der Herr Namens Klaus – wohl Koppruch Fan der ersten Stunde – zitiert die Textzeilen: “ Werft mich in einen Fluss und wenn ihr Pech habt hab ich Glück, und komm mit einem Fisch im Maul zurück.“ (Fisch im Maul, von: Loch in der Welt, 1998). Das geht ja schon mal gut los!

Nils und seine Mitstreiter Lars Paetzelt (Bass) und Marcus Schneider (Gitarre), werden als Band auch unter dem Namen „Der Wald“ vorgestellt und lassen es mit „In die Stille“ erst mal gemach angehen. Es fehlt der Schlagzeuger, seinen Part übernimmt Nils mit dem rechten Fuß. Der schwere Stiefel bearbeitet ein selbstgebautes Percussionsbrett, das per Mikro verstärkt wird. Also doch kein Dackel auf der Bühne. Aber dies ist wohl der Grund, warum die Herren heute sitzend aufspielen.“Mit eigenen Augen“ kommt so schwungvoll daher, dass man mit klatschen muss, der fehlende Drummer wird gut kompensiert. Was auch fehlt sind Nils lässige Ponyfransen. Der neue Schnitt sieht aber fesch aus, Nils wirkt irgendwie frischer als zuletzt noch beim Konzert von Hamburg Sounds.
Bei „Armer Junge weint“ schluchzt die Gitarre so hinreißend, dass man sich über die Neubesetzung mit Marcus Schneider außerordentlich freuen darf. Auch in zweistimmigen Gesangsparts liefert er gute Unterstützung. Oliver Stangl, der bislang die Saiteninstrumente bediente, ist seit einer Weile Bestandteil der Band Clickcklickdecker.

Nils bietet zwischen den Songs dem Publikum an, den leeren Raum vor der Bühne zu füllen. Wir könnten uns doch eine Blasenentzündung holen. Doch da alle gute Sicht aufs Geschehen haben und niemand als erster vortreten mag, bleibt es bei dieser Distanzbeziehung. Auf die Stimmung wirkt es aber nicht bremsend, die inzwischen Anwesenden spenden großzügig Beifall und Begeisterung. Die Szene hat etwas von Straßenmusik.
Immer wieder kraftvoll und erfreulicherweise in der Set-List: „Talking Darum Blues“ Trotziger Vorwurf: „Warum gerade so, warum nicht anders …!“ Und dann versöhnlich: „Komm Nachbar setz dich hierher, wir werfen eine Blume ins Meer, wir trinken auf das Leben und den Tod, und einen, Nachbar, nehmen wir zum Trost“ (FINK, Haiku Ambulanz, 2003) Lieblingslied!
Als Song, der für das Berufsinformationszentrum entstand, wird „Die Aussicht“ angekündigt, oder auch als Stück, das ohne Ansage auskommt. Kleine Irritation, nicht nur beim Zurechtlegen der Mundharmonika. Dem Schutzheiligen aller Musiker ist dann das Stück „Caruso“ vom gleichnamigen Album gewidmet.

Das Spannende an Koppruch Konzerten ist, dass alte Songs oft in völlig neuem Gewand erscheinen. So heute das „Loch in der Welt“: „Ich hab das Loch in der Welt gesehn, ich hab reingeschaut, jetzt weiß ich wie sie den Tag andreh´n, und wer die Stunden zerkaut. …“ Leicht irre gesungen, sphärische Klänge auf der Gitarre, eine extended version, die weit entfernt vom Original liegt, aber grandios!
Das nächste Stück habe er aus der Apothekerzeitung abgeschrieben, es beschreibt eine Krankheit, die wir alle kennen. „Verrückt vor Liebe“ swingt, leicht kabarettistisch und augenzwinkernd über die Bühne. Auch ein Stück, das sich weit von der schweren, bläser-lastigen Albumversion entfernt hat.
Nach „Wort im Wasser“, „Den Teufel tun“ und „Komm küssen“ beschließt Nils Koppruch das Programm mit „Stadt in Angst“, das ja auch auf dem jüngsten Album CARUSO den Rausschmeißer (oder besser Türöffner?) macht.

Die auf gut 150 Leute angewachsene Zuschauermenge fordert pfeifend und klatschend nach Zugaben. „Was Staub war und Schmutz wird aus Gold sein…“ mit der fülligen Version von „Staub und Gold“ (Album: Den Teufel tun, 2007) verabschiedet sich das gut gelaunte Trio von der Bühne.
Fazit: Rund um ein gelungenes Konzert, guter Sound, ansprechende location – hat großen Spaß gemacht!

 

Fotos: © Astrid Mönch-Tabori, Verwendung bitte nach Rücksprache
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One response to “Festival-Wochenende Teil 1: Traumzeit Duisburg

  • Festival-Wochenende Teil 2: RhEINKULTUR « Nils Koppruch Support

    […] Ein wenig abseits vom Strom liegt die Grüne Bühne, wo ab 18:00Uhr Nils Koppruch spielen wird. Dies ist eigentlich der schönste Ort auf dem Festival, wenn man Musik hören möchte. Hier treten meist Solo-Künstler, internationale Singer-Songwriter, unentdeckte Talente oder sonstige Skurilitäten auf. Also eher der Platz für neugierige Musikfans denn für spaßwütiges Tanzvolk. Eine breite Wiese schwingt sich gegenüber der Bühne hoch zu einem großzügigen, baumbeschatteten Hang, der von Zuhörern immer gut bevölkert wird. Da das Festival pünktlich um 0:00Uhr beendet sein muß, herrscht ein straffer Zeitplan. Für die Musiker bedeutet das fliegenden Wechsel: backstage einchecken – Sound checken – Show spielen – auschecken. Nachdem die Vorgängerband „Max Prosa“ ihr Konzert beendet, strömen viele Anwesende weiter zur roten Bühne, auf der zeitgleich mit Nils Koppruch die Band Jupiter Jones angekündigt wird. Soll´n sie doch! Wie so oft: die Leute, die Nils Koppruch sehen wollen, sind nicht immer zahlreich, dafür aber sehr aufmerksam bei der Sache. Im Bereich vor der Bühne finden sich um die 100 aktiven Zuschauer ein. Am Hang sitzen geschätzte 300 passive Mithörer. Der straffe Zeitplan sieht nur 40 Minuten Spielzeit vor. Die trocken-humorigen Ansagen zu den Stücken sind heute daher selten und die Setlist um vier Songs kürzer, als am Vorabend in Duisburg (s. Bericht) […]

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