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Eins und eins macht 5 – Resumée zur Kid Kopphausen Honeymoon-Tour

Die Flitterwoche einer vielversprechenden Musiker-Ehe auf Zeit, die erste Tour zum Release des Albums „I“ liegt hinter Kid Kopphausen (11.-17. September).  Die zahlreichen Anspielungen zur affärenhaften Beziehung zwischen Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch kann man nun belustigt oder belästigt aufnehmen. Immerhin wurden sogar beide Nachnamen miteinander verknüpft. Jedenfalls ist dies doch ein amüsantes Bild für die Liaison, über das selbst die beiden Protagonisten in den Pressevideos witzeln.

Aber jenseits aller Albernheiten: Was macht eine gute Beziehung eigentlich aus? Jeder Partner ist für sich zwar eine eigenständige Persönlichkeit, kann unabhängig sein und arbeiten, hat sein eigenes Aktionsfeld. Dennoch entscheidet man sich, zusammen zu sein, weil sich neue Perspektiven oder Horizonte erschließen.  Man sich öffnet für neue Ideen und wagt, Dinge anders  anzugehen als gewohnt. Die Qualität der Begegnung ist von der Dauer unabhängig. So lange es gut ist geht man ein Stück gemeinsam ohne sich die Schlinge fester Versprechen um den Hals zu ziehen. Und das Bewusstsein „dies ist unsere Zeit“ und eben nur auf unbestimmte Zeit macht es kostbar. („Der Vogel singt nur bis du nach ihm greifst.“ – Nils Koppruch, Die Aussicht)

Neu ist diese Form der musikalischen Zusammenarbeit auf Zeit sicher  nicht. Deutlich wird jedoch, dass sich hier zwei eigenständige, reife aber recht unterschiedliche Musiker perfekt ergänzen und nach außen eine sehr sympathische Harmonie ausstrahlen. Dass die daraus geborene Band Kid Kopphausen eine fantastische Zeit hat, konnte man in den letzen Tagen in den Metropolen der Nation erfreut sehen – mehr noch: hören.

Der Gewinn aus der Verbindung schlägt sich zunächst in der stilistischen Vielfalt des Albums nieder. Es wird experimentiert mit Fülle und Stille, mit verschiedenen musikalischen Einflüssen und menschlichen Rollen. Dennoch wirkt es homogen  und nicht allzu weit entfernt von den prägenden Einflüssen ihrer Urheber. Diese Vielfalt ist sicher auch dem Einbeziehen weiterer brillanter Musiker (Alexander Jezdinsky, Markus Schneider und Felix Weigt) in den kreativen Prozess zu verdanken.

Der quirlige Opener: „Hier bin ich“ rempelt kräftig an und zieht uns sofort druckvoll ins Album oder läßt uns live unmittelbar mitnicken. Der Ausbau von Strophe zu Refrain mit zunehmender Vielschichtigkeit ist spannend, spiegelt er doch  sehr gut wieder, dass ein Mensch,  je näher man ihn kennenlernt,  umso komplexer erscheint.

Lieder wie „Im Westen nichts neues“ oder „In die Wand einen Nagel“ sind musikalische Bilderbücher für Erwachsene, zu denen man sich die Geschichte selber erzählen muss. Kid flößt dem Hörer aber auch melodiöse Drogen ein und nimmt ihn mit auf einen sanft-wabernden Rausch durch eine psychedelische Clubnacht („Haus voller Lerchen“).  Den Psychothriller „Wenn der Wind übers Dach geht“ dominieren Bluesharmonien, die ein akzentuiert-rhythmisches Piano setzt und verzerrte, ausgedehnte Gitarrensoli, wie man sie in der Spielfreude bislang weder bei Gisbert, erst recht nicht bei Nils hören konnte.  Kid schmachtet in verliebter Erinnerung, stolpert als reumütiger Mörder durch  dumpf-düstere Wälder aus denen ein Cello die bedrohliche Schwärze aufsteigen lässt („Möderballade“). Er tänzelt in komplizierten Achtel-Sechzehntel-Rhythmus nicht nur „Jeden Montag“ suchend durch die Stadt, sondern verliert seinen Kopf auch gerne zum bedächtig schreitenden ¾-Takt in den Wolken („Wenn ich dich gefunden hab“). So richtig krachen lässt er es dann, wenn der Rock´n Roll ihm im „Das Leichteste der Welt“ das Leben retten darf.

 „Meine Schwester“ wird in Square-Dance-ähnlichem Schwung mitsamt Gott zum Teufel geschickt. Und Moses muss im Arbeits-Shanty angefeuert von Hauptstimme und Hintergrundchor ganz kräftig in die Riemen greifen und stompen, um gegen das Ersaufen anzurudern. Ein fünfstimmiger á capella Chor, unterlegt mit sparsamer Hauptstimme, schafft es minutenlang einen Bogen über die lethargische Stille zu spannen, bis die Ungeduld sich wütend krachend in einer Rock´n Roll Nummer Luft macht, die so auch aus der Feder von Rio Reiser stammen könnte („Schon so lang“).

Beide Protagonisten wagen es, mitten im Liveprogramm ausgewählte Solo-Stücke zu spielen,  ihre Identität als Kid Kopphausen damit minutenlang abzulegen, wobei sie sich gegenseitig als 1. und 2. Gastsänger vorstellen. Insbesondere in der Kulturkirche Köln, aber auch im altehrwürdigen St.Pauli Theater überzeugen und berühren diese Soli mit glasklarem Klang und Brillanz. Bei jedem Auftritt bleibt „Nur ein Satz“ wie auf dem Album der Abspann eines abenteuerlichen Films. War es vielleicht auch nur ein Satz zwischen Nils und Gisbert, der Kid Kopphausen nach sich zog?

Was auf der Album-Konserve wie gute, handgemachte, ehrliche Musik mit Reminiszenz an klassische Vorbilder klingt, gewinnt live eine gehörige Prise Überzeugungskraft hinzu. Es geht der Band nicht um Entertainment des Publikums, sondern um glaubwürdige Präsentation. Von Gisbert kennt man die selbstvergessen Art, mit geschlossenen Augen hinter dem Mikro in seine Songs abzutauchen. Die ernste Miene des Herrn Koppruch macht, dass man ihm den getrieben-paranoiden Typ ohne weiteres glaubt. Im „Zieh dein Hemd aus Moses“ drischt Marcus Schneider auf die Percussion ein, als wolle er sie zu Brennholz verarbeiten. „Erwischt“ wird zu einer swingenden Nummer, bei der sich Gisbert das Mikrokabel lässig wie eine Federboa über die Schulter wirft. Selten hat man von Nils mit so viel Timbre in der Stimme und dennoch ohne Kitsch das Lied „Kirschen“ gehört, dass man ihre Süße förmlich auf der Zunge schmeckt.

Das Kid rockt und wiegt, grübelt und liebt. Es philosophiert und tröstet, flucht und versäumt, sehnt und träumt. Und man spürt der Reaktion des Publikums an, dass es sich in diese menschlichen Eskapaden gebannt hineinziehen läßt. Songs verklingen bis zum letzten Ton, irgendwo wispert jemand „oh wie schön.“ Wer sitzt springt spätestens nach dem Hauptset des Konzerts auf und spendet standing ovations. Begeisterte Pfiffe und Johlen schlagen in Wellen zu den Akteuren auf die Bühne, bis sich auch die ernsten Mienen zu verlegenem Grinsen oder breiten Lächeln strecken.

Auch optisch ist diese Band ein Geschenk und mit den adretten Anzügen garnicht mal schlecht verpackt. Während Gisbert mit seinem längerem Haar (Ob ihm Koteletten auch stehen würden?) und dem Tweed-Anzug mit leichter Schlaghose über Boots noch an die guten 70er und die beste Zeit der Beatles erinnern könnte, verströmt Nils Koppruch mit seiner ernst bis finsteren Miene und dem dunklen Anzug einen Hauch von Man-In-Black-Aura. Vielleicht nicht ganz zufällig, zählt Johnny Cash doch zu den ihn prägenden Musikern.

„… jemand singt ein nagelneues Lied. Als wenn´s die ersten schönen Tage wär´n und alles um uns glänzt und schient und blüht.“ So singt Nils im Song „Schritt für Schritt“. Klingt doch ein wenig wie frisch verliebt. Gratulieren wir Kid Kopphausen zur gelungenen Kooperation und wünschen, dass dieser Glanz anhält, im Hier und Jetzt, und vielleicht eine Weile länger.

Möge diese Verbindung noch viele schöne Blüten treiben.

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Kid Kopphausen in der Kulturkirche Köln – 13.09.

Superlativ. Umwerfend. Wenn die Worte fehlen müssen erst mal die Bilder sprechen. Hier eine erste Auswahl von Kid Kopphausen in der Kulturkirche. Vielleicht kommen die Worte ja nach dem 2. Konzert heute abend in der Kulturkirche wieder. Halleluja!

© Nils Koppruch Support, Verwendung nach Rücksprache

Kid Kopphausen – Albumteaser in Bild und Ton

Große Freude & Augenweide – wir können den Kopphausenern schon mal über die Schulter schauen. Das klingt wunderbar …


Kid Kopphausen live ab September

So sieht sie aus, die Tourankündigung für Kid Kopphausen „I“ (Bild zur Großansicht anklicken). Klassisch retro, man fühlt sich fast an Musikmagazine aus den 70ern erinnert oder den Vorspann eines James Bond Klassikers. Auch für die Promo-Fotos haben sich die Herren in Schale geschmissen und das Lieblings-Karo-Hemd, die schlabbrige Baggie-Pants oder alten Chucks gegen Anzug und Lederschuhe getauscht. Feiner Anblick. Das Quintett wird neben Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen besetzt sein mit Marcus Schneider (Gitarre), Felix Weigt (Cello, Bass, Tasten) und Alex Jezdinsky (Schlagzeug).

Wer die Termine im September nicht wahrnehmen kann sei getröstet, Ende Oktober bis November 2012 werden weitere Konzerte hinzu kommen, unter anderem ein Auftritt beim diesjährigen Rolling Stone Weekender! Wer allerdings eines der Konzerte in den Metropolen sehen will, sollte sich schleunigst Karten sichern.

Soviel zum I. – Fortsetzung folgt?  (Ob man nach I auch II angedacht hat? Diese Frage werden viele neugierige Interviewer sicher demnächst stellen. Gefälligst.)

Übrigens: Seit kurzem gibt es auf facebook auch eine Kid Kopphausen-Seite, die uns auf dem Laufenden hält.


Nils Koppruch & Der Wald spielen im Club des Jahres

 

Ich tret im Club des Jahres auf …“ heißt es im Song „Caruso“  und an diesem Abend trifft das für Nils Koppruch & Der Wald tatsächlich zu, wurde das KNUST doch jüngst zu Hamburgs bestem Live-Club gekürt.
Der Clubchef hat deinen Namen vergessen und will ihn wohl auch garnicht wissen …“- weit gefehlt! Clubchef Norbert Roep will vielleicht so manches nicht wissen oder lassen, jedoch würde er wohl den Teufel tun und den Namen eines seiner liebsten Gäste vergessen.
Die Poster liegen in der Ecke …“? Mit nichten: die eigens für das perfekte Wochenendprogramm angefertigten Poster können am Merchandise-Stand sogar käuflich erworben werden.
Ich ring das Huhn…“ Ob es ein Ringen war, das Huhn in Acryl mit dem Pinsel auf die Leinwand zu bringen? Jedenfalls wurde das Originalbild zur Vorlage des Veranstaltungsposters an diesem Abend zugunsten des Frauen-Musik-Zentrum Hamburg meistbietend versteigert. Gewinner – weil SAM.mler – für das Gebot von stolzen 600€  wurde der Clubchef höchstpersönlich.

Franz Dobler, der mit einer Lesung den Abend eröffnen sollte, ließ sich leider entschuldigen weil er wegen Krankheit den Weg von Augsburg nach Hamburg nicht antreten konnte. So kam das Auditorium jedoch in den Genuß einer ungewöhnlichen Premiere. Nils versuchte über die Vakanz hinweg zu trösten indem er die Gedichte von Herrn Dobler vorlas. Dabei war er ja eigentlich nur der mit der Gitarre, …

… was dann beispielsweise so klang:

Nach kurzem Chef-Intermezzo mit Bekanntgabe der Meistbietenden und Werbung für den offensichtlich mundenen Wein des Weinguts der Familie zu Knyphausen, der an diesem Abend im Ausschank angeboten wird, folgt endlich Musik.

Wo bist du gewesen fragen die mich die da waren und ich hätte auch dasein können hätte ich es nur erfahren… “ beginnt Nils Koppruch solo an der Gitarre das Konzert mit „Der richtige Ort„. Tja liebe Leute, wer nichts erfahren hat von diesem Konzert hat dann auch wirklich was verpaßt. Nach dem zweiten Solostück „Nicht die Bienen“ steigt die Band zu „Armer Junge weint …“ ein. Die Stimmung im Saal, den etwa 300 Besucher bevölkern, ist genau so, wie man sich das wünscht: bestens ab dem ersten Song. Hamburg jedenfalls liebt Nils Koppruch, wie schon mehrfach festzustellen war. Da die Band in voller Besetzung spielt mit Christoph Kähler am Schlagzeug, Marcus Schneider an den Saiteninstrumenten und Rhythmus-Zimmermann Lars Paetzelt am Bass geht da auch so einiges an Energie, Druck und sattem Sound, dass es richtig Laune macht. „Talking Darum Blues“ groovt, „Zieh dein Hemd aus Moses“ stampft, und ein neuer, bislang namenloser Song rockt von der Bühne. „Harte Zeiten“ wird in einer knackigen Version abgeliefert, die textlich und musikalisch komplett renoviert daherkommt und als persönliches Highlight verbucht wird. Ruhigere Stücke treten an diesem Abend zugunsten der tanzbaren zurück, was mit Begeisterung quittiert wird und Nils später noch einen Schulterklopfer für „the rockin´Koppruch“ einbringt. Dem Club muss man für die technisch hervorragende Präsentation mit sehr gutem Sound und hervorragender Bühnenbeleuchtung ein Lob aussprechen.

Stadt in Angst“ beschließt wie üblich aber viel zu früh den Hauptteil des Sets. Nostalgisch, wehmütig dürfen wir in der ersten Zugabe zu „Kleines grünes Haus“ mitwiegen um mit „Verrückt vor Liebe„, den FINK-Klassikern „Ich kümmre mich darum“ und „Das Liebste“ ins Finale zu tanzen. Als Rausschmeißer gibt es „Irgendwann Regen„, wobei an diesem Abend im frostigen Hamburg draußen ein leichter Schnee fällt und  glitzernd die Euphorie für den Heimweg pudert, jedenfalls für die, die schon gehen. Die anderen verweilen bei diversen Kaltgetränken im warmen KNUST.

(c) Fotos Nils Koppruch Support

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Setlist:

Der richtige Ort – Nicht die Bienen – Armer Junge weint, armes Mädchen auch – Mit eigenen Augen – Mein einziges Lied – Kirschen – Die Aussicht – Caruso – Vergessen, was ich wußte – Noch nichts ist verlorn – Talking Darum Blues – Zieh dein Hemd aus Moses – ?Neuer Song? – Harte Zeiten – Den Teufel tun – Komm Küssen – Weils möglich ist – Wort im Wasser – Stadt in Angst –

1. Zugabe: Kleines Grünes Haus – Verrückt vor Liebe – Im kümmre mich darum – Das Liebste

2. Zugabe: Irgendwann Regen


Wer kommt im besten Anzug an, wer gibt heut Nacht das Hauptprogramm?

Genau – der Herr Koppruch! Im Ernst: er kam wirklich im besten  Anzug. Ein Anblick, den man zweimal so nicht sieht, und wenn, dann ist es nur Glück. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, ernste Miene –  fast fühlt man sich ein wenig an Johnny Cash erinnert.
Also schnell ein paar Fotos fürs Archiv gemacht, nur leider ist die Ausleuchtung der Bühne im Schlachthof Wiesbaden nicht flexibel genug, um Nils in seiner Position als Spieler „rechts außen“ ins rechte Licht zu setzen. Hinderlich kommt noch eine gewölbetragende Säule mitten auf der Bühne hinzu, die den Bandcharakter endgültig in 3 plus 1 splittet. Das klingt ungnädig,  liefert aber einen plausiblen Vorwand für die mangelhafte Qualität der Fotoversuche. Doch das Auge hört mit und freut sich trotzdem über den feinen Anblick.

Das Auftaktkonzert der kleinen Tour beginnt ein wenig verzögert, denn – zum Teufel – die Autobahnen waren völlig verstopft. Bis dann alles aufgebaut und Sound gecheckt ist braucht es eben seine Zeit. Und essen müssen sogar Musiker ab und zu, besonders vor der Arbeit.
Dass seine Konzerte keine Massen anlocken, scheint Nils nicht allzu sehr zu grämen und ist mittlerweile schon Bestandteil des Abendprogramms geworden. „Guten Abend! …. Wir könnten uns jetzt eigentlich alle mit Handschlag begrüßen.“ Einzelne Besucher dürfen sich gerne auch mal persönlich vorstellen und das wiederum hat auch etwas sehr Sympathisches und verleiht dem Auftritt den Charme eines privaten Wohnzimmerkonzerts.

Wie auf dem Album CARUSO beginnt das Konzert druckvoll mit „Armer Junge weint, armes Mädchen auch“. Im Laufe des Abends spielen sie dieses Set:

1. Armer Junge weint, armes Mädchen auch
2. Mit eigenen Augen
3. Das Liebste (rockt!)
4. Mein einziges Lied
5. Kirschen
6. Die Aussicht
7. Caruso (dieser Text ist voller Stolpersteine – heute perfekt )
8. Vergessen, was ich wusste
9. Noch nichts ist verlor´n
10. Talking Darum Blues (groovt!)
11. Zieh das Hemd aus Moses (neu, geradezu Premiere!)
12. Loch in der Welt (mal eine fetzige Variante mit Echo-Effekt)
13. Den Teufel tun
14. Komm Küssen
15. Fliegen
16. Verrückte Liebe
17. Weil´s möglich ist
18. Stadt in Angst
      Zugaben:
19. Ich kümm´re mich darum
20. Staub und Gold (grandios!)

 

Der kundige Hörer merkt auf: es gibt ein neues Stück namens „Zieh dein Hemd aus Moses“. Ein schwer rollender Rhythmus, ein Mutmach- und Durchhalte-Text, ein Gospel à la Koppruch. Der Gesang ist leider wegen der etwas mangelhaften Akustik der Halle nur fragmentarisch verständlich, der Text konnte aber postkonzertal noch fotografisch erbeutet werden.

Wie auf dem Album CARUSO schließt „Stadt in Angst“  wie so oft den offiziellen Konzertteil ab. Die Abmoderation in diesen Song einflechtend stellt Nils seine Musiker im „Wald“ nochmal namentlich vor: Marcus Schneider an der Gitarre, Lars Paetzel am Bass und Christoph Kähler aka Zwanie Jonson am Schlagzeug.

Die abgelichtete Setlist lässt ahnen, dass noch viel mehr Stücke hätten gespielt werden können, hätte das Publikum sich beim Schlussapplaus gefälligst etwas ausdauernder gezeigt. Ansonsten waren die Zuhörer aber sehr zugetan, aufmerksam und haben ihren Part, Begeisterung beizusteuern, zur vollsten Zufriedenheit erfüllt.

Bessere Fotos auch HIER


Der Vogel singt nur …

 

© Kerstin Schomburg

Interviews verlaufen manchmal nach dem Motto: „Der Vogel singt nur bis du nach ihm greifst.“ Also steckt man Fragen besser wie kleine Zweige in einen Baum und wartet, bis der Vogel sich drauf niederläßt. So in etwa sind die folgenden Antworten auf neugierige, nicht allzu private, sachbezogene Fragen an Nils Koppruch entstanden. Lauscht:

  • Rückblick – Ausblick: Wie war die bisherige Resonanz auf „Caruso“ und auf den Konzerten? Was wünscht du dir musikalisch für 2011/12?

Soweit ich das verfolgen konnte, ist Caruso weitgehend wohlwollend aufgenommen worden. Das Album hat gute Kritiken bekommen, die Plattenfirma sagt, sie ist zufrieden mit den Verkäufen.

Die Konzerte mit der Band, die sich jetzt „DER WALD“ nennt, waren allesamt  besonders schöne Abende. Es waren möglicherweise zwei, drei der besten Konzerte  die ich / wir  in den letzten 10 Jahren gespielt haben.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, wir würden ein paar mehr Menschen für die Konzerte interessieren können. Das würde einiges erleichtern und auch ausgedehntere Touren möglich machen.

Zur  Zeit arbeite ich an neuen Songs, sowohl für Nils Koppruch & DER WALD, aber auch für ein gemeinsames Projekt mit Gisbert zu Knyphausen. Gisbert und ich werden im nächsten Jahr ein gemeinsames Album veröffentlichen.

Außerdem bereite ich gerade eine Ausstellung mit dem Titel „SEEMANNSHEIM 2“ vor.

  • Aus den schlichten Arrangements von „Den Teufel tun“ sind teilweise überraschend füllige, teils rockige Live-Versionen geworden. Wer war der wesentliche Motor, die Stücke heute so zu arrangieren? Entwickelt sich das aus der Zusammenarbeit mit anderen Musikern oder wolltest in erster Linie Du die Stücke so verändern?

Ich betrachte meine Songs als etwas, das sich verändern darf und sollte. Es würde für mich keinen Sinn machen einen Song  „nach zu stellen“. Die Songs sollten sich mit der Band, dem Sänger, der Zeit etc. verändern dürfen. Natürlich spielt dabei die Zusammenarbeit mit anderen Musikern eine wichtige Rolle.

Unter Berücksichtigung der Musiker mit denen ich spiele geht die Initiative allerdings überwiegend von mir aus. Ich bin einfach interessiert daran wie  weit ich die Songs strapazieren kann und wie sie sich durch eine andere Tonart, ein neues Arrangement, eine andere Besetzung verändern und wie sie sich dadurch auch in ihrer Bedeutung / Aussage verändern.

  • Welche wesentlichen Eigenschaften muss jemand mitbringen, damit deine Zusammenarbeit mit ihm gut funktioniert? (nicht nur musikalisch gesehen)

Oha, da habe ich keinen Kanon oder Katalog.  Es funktioniert oder es funktioniert nicht.  Und ich habe mich da schon oft getäuscht.

  • Touren ist sicher oft wie Wanderzirkus-Dasein. Bist du nach all den Jahren noch gerne unterwegs, neugierig auf Städte und Leute?

Ja, bin ich. Es ist immer eine sehr intensive und auf die Musik fokussierte Zeit. Und selbst wenn ich von einzelnen Städten, Orten und Menschen manchmal nicht viel mitbekomme, ist allein die Bewegung, der Rhythmus des Reisens und die manchmal extremen Veränderungen von Tag zu Tag, Abend zu Abend inspirierend und spannend.

  •  Wie kam es zur Neubesetzung der Gitarre mit Marcus Schneider?

Ich hatte mit mehreren Gitarristen gesprochen und geprobt, schließlich fiel die Wahl auf Marcus weil es sich am  besten und sichersten anfühlte. Natürlich war die Einschätzung von „DER WALD“ aber ebenso wichtig.

Marcus ist ein sehr, sehr guter Musiker, der durch seine Arbeit  in anderen Bands und durch seine Erfahrungen als Produzent, Tonmischer etc. einen weiten Horizont als Musikschaffender mitbringt. Auch stilistisch hat Marcus viele Möglichkeiten ohne dabei dem klassischen Klischee des „Muckers“ zu entsprechen.

  • Du sagst, du bist auf der Suche nach dem ultimativen Lied, das die Welt erklärt. Mit welchem Song bist du dem Ziel bislang am nächsten gekommen? Gibt es für dich einen Musiker, der so etwas schon mal geschafft hat?

Ich betrachte das mehr als eine Idee, als eine tatsächliche Möglichkeit. Meine grundsätzliche Motivation beim Schreiben ist allerdings schon, eine möglichst universelle Aussage zu machen. Eine möglichst zeitlose Wahrheit  in den Dingen die mich beschäftigen zu finden und diese möglichst gut in Text und Musik zu formulieren. Anders gesagt: Ich versuche die unverständliche Welt um mich in Worte zu fassen.

  • Was macht Musik aus, die dir persönlich gefällt, die dich anspricht/erreicht?

 Sie muss irgendeinen Haken haben, an den ich anbeiße. Und ich muss sie entdecken können.

  • Stichwort „Paul McCartney-Methode“: Entstehen deine Songs/Ideen als Spontangeburten in wenigen Stunden oder gehst du mit einer Idee lange „schwanger“? Was überwiegt?

Eher weniger Spontangeburten. Kommt vor, ist aber selten. Meistens doch erst der natürliche Weg mit Schwangerschaft, Geburt, Erziehung, Lehre, Studium und dann, wenn’s gut geht Veröffentlichung.

  • Vögel spielen in deinen Lieder oft eine Rolle: z.B. „mein einziges Lied“, Der Bandname FINK, „der Vogel singt nur bis du nach ihm greifst“. Du hast vor kurzem Tom Waits zitiert: einen guten Song schreiben sei wie einen kleinen Vogel lebendig einzufangen … Wieso sind Vögel so zentral, welche Eigenschaften verbindest du mit ihnen?

 Vögel singen ohne Anspruch. Und sie fliegen! (also die meisten)

  • Welche Beziehung hast du zum Medium Internet und sozialen Netzwerken?

Es ist ein Fluch und ein Segen! Ich versuche mich  vor dem Gefühl zu schützen, ständig verfügbar und erreichbar zu sein / sein zu müssen. Die Flut von Informationen, Anforderungen, Angeboten, Anfragen und dazu der ganze Spam macht mich nervöser als ich sein sollte.

  •  Schaust du gern in deinen (Mail)- Briefkasten?

Meistens eher nicht. Außer ich erwarte konkrete gute Nachrichten.

  •  Musik wird immer stärker in mp3-files/Downloads konsumiert. Als Musiker denkt man sicher in Alben-Konzepten. Siehst du den Tod des klassischen Albums/physischen Tonträgers bevorstehen? Würde dir Musikmachen noch Freude bringen und sich rentieren, wenn diese Tendenz anhält?

Musik machen hat ja erstmal nichts mit der Form der Veröffentlichung zu tun. Musik machen wird mir sicher auch weiter Freude machen. Und wenn es eine Sammlung von Songs gibt, die  aus guten Gründen die Form einer Sammlung (Album) haben sollen, dann wird auch das sicher irgendwie möglich sein.

Vielleicht werden sich auch  zukünftig andere spannende Möglichkeiten der Veröffentlichung bieten.

  • Für mich zentral: „Den Himmel sehn wir uns an hier und jetzt“, „davor ist nichts und danach“ – Dahinter steht eine atheistische, sogar nihilistische Grundhaltung. Du giltst als gelassen, nicht verhaftet an materielle Dinge oder Eitelkeiten. Aber auf der Suche nach der Essenz.   Gibt es etwas, dass deine Lebenseinstellung wesentlich geprägt hat? Dein Lebensumfeld, bewusstseinserweiternde Erfahrungen? Hast du dich mit bestimmten Philosophien oder Religionen jemals intensiver beschäftigt?

Zum ersten Teil der Frage : Ganz sicher! Zum zweiten Teil der Frage : Ja, Nee.

  •  Luxus ist für dich …?

Luxus habe ich noch nie begriffen. Ist das eine knappe Resource , die mich durch ihren Besitz glücklicher als die anderen macht? Falls Luxus mich glücklich machen kann, bin ich auf alle Fälle dafür.

  • Tino Hanekamp hat den Pressetext zu deinem Album „Caruso“ verfaßt. Du bist als Musiker regelmäßig im Ü&G zu Gast. In seinem Buch „Sowas von da“ kommst du am Rande auf einer Setlist vor. Wenn das Buch verfilmt würde und man dir eine Rolle einräumte– würdest du sie als Schauspieler annehmen?

Ehrlich gesagt habe ich da keine Ambitionen. Als Abenteurer würde ich  dann einfach die Rolle nehmen die man mir zuweist.

*Abschließend  an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Nils für die Einblicke & Ausblicke und das bereitwillige & geduldige Beantworten der Fragen! *


Festival-Wochenende Teil 1: Traumzeit Duisburg

Duisburg. Landschaftspark: ein unüberschaubares Areal aus stillgelegten Industriegebäuden in eigenwilliger Ästhetik, ein überdimensionales Museum einer überholten Arbeits-Kultur. Am Eingang empfangen zunächst Bier- und Imbissbuden den Orientierungssuchenden. Nils Koppruch spielt ab 20:00Uhr in der Pumpenhalle. Der Lageplan am Weg kennt nur eine Gießhalle. Also durchfragen. Intuitiv eine Richtung einschlagen. Zwei freundliche Herren von der Securitiy bestätigen über die Schulter deutend, dass in diesem Gebäude gleich ein Konzert stattfände. Ein Blick durch trübe, bleiverglaste Scheiben zeigt eine Bühne. Gut. Darauf ein paar Mikroständer, Banjo und Gitarren. Auch gut. Drei Stühle. Stühle?! Seltsam. Kein Schlagzeug dafür aber ein Mikro, dass auf Augenhöhe eines Dackels montiert sein könnte. Ob der Sicherheitsmann und ich das gleiche Konzert meinten? Aber diese helle Fender-Westerngitarre mit rotbraunem Schlagbrett, die kennt man doch. Neben mir lugt noch jemand prüfend durchs trübe Glas und bestätigt dann in tiefstem, bayerischen Slang, das wir hier richtig sind. Perfekt.

Der Raum vor der Bühne der Halle bildet ein tieferliegendes Carreé, umrahmt von Treppenstufen, auf dem sich die Zuhörer nach dem Einlass verteilten. Zwei Herren in sandfarbenen Anzügen, mit runden Panamahüten nehmen auf den Stufen vor der Bühne Platz und liefern eine kleine Anmoderation. Der Herr Namens Klaus – wohl Koppruch Fan der ersten Stunde – zitiert die Textzeilen: “ Werft mich in einen Fluss und wenn ihr Pech habt hab ich Glück, und komm mit einem Fisch im Maul zurück.“ (Fisch im Maul, von: Loch in der Welt, 1998). Das geht ja schon mal gut los!

Nils und seine Mitstreiter Lars Paetzelt (Bass) und Marcus Schneider (Gitarre), werden als Band auch unter dem Namen „Der Wald“ vorgestellt und lassen es mit „In die Stille“ erst mal gemach angehen. Es fehlt der Schlagzeuger, seinen Part übernimmt Nils mit dem rechten Fuß. Der schwere Stiefel bearbeitet ein selbstgebautes Percussionsbrett, das per Mikro verstärkt wird. Also doch kein Dackel auf der Bühne. Aber dies ist wohl der Grund, warum die Herren heute sitzend aufspielen.“Mit eigenen Augen“ kommt so schwungvoll daher, dass man mit klatschen muss, der fehlende Drummer wird gut kompensiert. Was auch fehlt sind Nils lässige Ponyfransen. Der neue Schnitt sieht aber fesch aus, Nils wirkt irgendwie frischer als zuletzt noch beim Konzert von Hamburg Sounds.
Bei „Armer Junge weint“ schluchzt die Gitarre so hinreißend, dass man sich über die Neubesetzung mit Marcus Schneider außerordentlich freuen darf. Auch in zweistimmigen Gesangsparts liefert er gute Unterstützung. Oliver Stangl, der bislang die Saiteninstrumente bediente, ist seit einer Weile Bestandteil der Band Clickcklickdecker.

Nils bietet zwischen den Songs dem Publikum an, den leeren Raum vor der Bühne zu füllen. Wir könnten uns doch eine Blasenentzündung holen. Doch da alle gute Sicht aufs Geschehen haben und niemand als erster vortreten mag, bleibt es bei dieser Distanzbeziehung. Auf die Stimmung wirkt es aber nicht bremsend, die inzwischen Anwesenden spenden großzügig Beifall und Begeisterung. Die Szene hat etwas von Straßenmusik.
Immer wieder kraftvoll und erfreulicherweise in der Set-List: „Talking Darum Blues“ Trotziger Vorwurf: „Warum gerade so, warum nicht anders …!“ Und dann versöhnlich: „Komm Nachbar setz dich hierher, wir werfen eine Blume ins Meer, wir trinken auf das Leben und den Tod, und einen, Nachbar, nehmen wir zum Trost“ (FINK, Haiku Ambulanz, 2003) Lieblingslied!
Als Song, der für das Berufsinformationszentrum entstand, wird „Die Aussicht“ angekündigt, oder auch als Stück, das ohne Ansage auskommt. Kleine Irritation, nicht nur beim Zurechtlegen der Mundharmonika. Dem Schutzheiligen aller Musiker ist dann das Stück „Caruso“ vom gleichnamigen Album gewidmet.

Das Spannende an Koppruch Konzerten ist, dass alte Songs oft in völlig neuem Gewand erscheinen. So heute das „Loch in der Welt“: „Ich hab das Loch in der Welt gesehn, ich hab reingeschaut, jetzt weiß ich wie sie den Tag andreh´n, und wer die Stunden zerkaut. …“ Leicht irre gesungen, sphärische Klänge auf der Gitarre, eine extended version, die weit entfernt vom Original liegt, aber grandios!
Das nächste Stück habe er aus der Apothekerzeitung abgeschrieben, es beschreibt eine Krankheit, die wir alle kennen. „Verrückt vor Liebe“ swingt, leicht kabarettistisch und augenzwinkernd über die Bühne. Auch ein Stück, das sich weit von der schweren, bläser-lastigen Albumversion entfernt hat.
Nach „Wort im Wasser“, „Den Teufel tun“ und „Komm küssen“ beschließt Nils Koppruch das Programm mit „Stadt in Angst“, das ja auch auf dem jüngsten Album CARUSO den Rausschmeißer (oder besser Türöffner?) macht.

Die auf gut 150 Leute angewachsene Zuschauermenge fordert pfeifend und klatschend nach Zugaben. „Was Staub war und Schmutz wird aus Gold sein…“ mit der fülligen Version von „Staub und Gold“ (Album: Den Teufel tun, 2007) verabschiedet sich das gut gelaunte Trio von der Bühne.
Fazit: Rund um ein gelungenes Konzert, guter Sound, ansprechende location – hat großen Spaß gemacht!

 

Fotos: © Astrid Mönch-Tabori, Verwendung bitte nach Rücksprache

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